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Tee mit dem Teufel

Reinhard Eroes

Titel Tee mit dem Teufel
Autor Reinhard Eroes
Verlag Hoffmann& Campe
Sprache deutsch
Titelbild

Rezension

Tee mit dem Teufel

Bundeswehrarzt Dr. Reinhard Erös hilft Frauen und Kindern in Afghanistan

„Afghanisch-Pakistanische Grenze, Herbstnacht  1988, off limits für Ausländer: Vier Männer werden - eingezwängt auf der Rückbank eines uralten Kleinlasters -durch die Nacht gefahren. Kurz vor der Grenze zieht sich einer von ihnen, Reinhard Erös, eine Burkha über. Von nun an reist der Arzt aus Bayern als „schwangere Ehefrau“ eines der afghanischen Begleiter. Schwerbewaffnete pakistanische Milizposten tauchen plötzlich aus dem Dunkel auf und stoppen das Fahrzeug. Einer der Soldaten öffnet die Autotür und leuchtet den Fahrgästen ins Gesicht. ‚Alle aussteigen‛ heißt es. Doch einer der drei Afghanen ist um seine ‚hochschwangere Frau‛ besorgt. Eine Geburt an der Grenzstation wollen die pakistanischen Milizen natürlich nicht riskieren. Die ‚Schwangere‛ wird nicht kontrolliert, die Vier dürfen passieren.“

Dies ist eine Episode aus dem abenteuerlichen Leben von Dr. Reinhard Erös, Oberstarzt der Bundeswehr a. D., zwischen 1986 und 1990, als er während des Besatzungskrieges der Sowjetunion in Afghanistan die einheimische Bevölkerung ärztlich versorgte. Dafür hat ihn, damals 38-jährig, als jüngsten Deutschen später Bundespräsident von Weizsäcker mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Zehn Jahre später, 1998, gründete Reinhard Erös zusammen mit seiner Frau Annette und ihren fünf Kindern die "Kinderhilfe Afghanistan". Ihr erstes Hilfsprojekt, eine Mädchenschule in der Hochphase des Taliban-Regimes, entstand in einem Flüchtlingslager bei Peshawar, unmittelbar an der Grenze zu Afghanistan. Nach dem Sturz der Taliban verlagerten sie ihre Arbeit ins Landesinnere.

Der Grundstein für Erös‘ heutiges humanitäres und politisches Engagement wurde in der Studienzeit gelegt. Er studierte von 1971-1978 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Medizin und engagierte sich vielfältig in der Studentischen Selbstverwaltung. So war er über vier Jahre u. a. Fachschaftsprecher in der Vorklinik, Mitglied im Studentenrat, im Senat und in der Fakultätskonferenz. In der Hochschulpolitik lernte er seine spätere Ehefrau, die Mathematikstudentin Annette Hofmann kennen.

Seit November 2001 hat Erös in den besonders gefährlichen Ostprovinzen des Landes über ein Dutzend Mädchenschulen und Gesundheitsstationen gegründet. Als Afghanistan-Experte ist er seit dem 11. September 2001 im Bundestagsausschuss „Entwicklungshilfe“ ein gefragter Ratgeber und in den Medien ein begehrter Interviewpartner.

Melanie Berger befragte Dr. Erös nach seiner Freiburger Studienzeit, seinem Berufsweg und seiner Aufbauarbeit in Afghanistan:

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Weshalb haben Sie sich für den Studienort Freiburg entschieden?

Dr. Erös:

Ehrlich gesagt, des Freizeitwertes wegen. Die Nähe zu den Schweizer Alpen, der Wintersport und der gute Ruf des Freiburger Studentensportes waren entscheidend.

Newsletter:

Was ist ihr schönstes Erlebnis in Ihrer Freiburger Studienzeit gewesen?

Dr. Erös:

Das bis heute „anhaltend schönste Erlebnis in Freiburg“ war und ist, meine Frau kennen gelernt zu haben. Aus diesem  e i n e n  schönsten Erlebnis im Sommer 1974 sind inzwischen sechs  weitere „schönste Erlebnisse“ geworden, nämlich unsere sechs Kinder.

Newsletter:

Was haben Sie beruflich nach Ihrem Studium gemacht?

Dr. Erös:

Ich bin 1979 nach dem Studium Militärarzt geworden. Ein bis zu meinem vorzeitigen Ausscheiden 2001 ungeheuer spannender und abwechslungsreicher Beruf.

So durfte ich als Bataillonskommandeur Anfang der 90er Jahre bereits die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr im Iran und Kambodscha führen und 1993 im Hauptquartier der UNO in New York Kofi Annan, damals oberster „Boss“ der Blauhelm-Missionen, medizinisch beraten. Regelmäßig wurde ich auch zu Einsätzen mit zivilen UN- und Internationalen Hilfsorganisationen abgestellt oder beurlaubt, so u.a. nach Indien, Bangladesch, Ruanda, Ost-Timor.

Ende 2001 habe ich im Dienstgrad Oberstarzt meine vorzeitig Pensionierung beantragt, um mich ganz dem Wiederaufbau in Afghanistan zu widmen.

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Wie kamen Sie zu Ihrem Projekt "Kinderhilfe Afghanistan"?

Dr. Erös:

Ich hatte mich bereits während meiner aktiven Bundeswehrzeit, von 1986 bis 1990, von der Bundeswehr unbezahlt beurlauben lassen, um im kriegsgeschüttelten Afghanistan als Arzt zu helfen. Diese Einsätze in den Bergen um TORA BORA waren „illegal“ und gefährlich, die Sowjets hatten Kopfgelder auf uns ausländische Ärzte ausgesetzt, weil sie keine Zeugen ihres schmutzigen Krieges in Afghanistan wünschten. In Peschawar/Pakistan, der Leitzentrale unserer Einsätze und damals auch Wohnort meiner Familie, war übrigens Osama Bin Laden unser Nachbar. Später, in der Hochphase der Taliban, haben wir mit der Einrichtung von Schulen für die in dieser Zeit besonders unterdrückten Mädchen versucht dagegen zu halten. 1998 wurde dann die "Kinderhilfe Afghanistan" als "humanitäres mittelständisches Non-Profit-Familienunternehmen Erös" gegründet.

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Welches Ziel hat dieses Projekt?

Dr. Erös:

In modernen Kriegen sind Frauen und Kinder die Hauptleidtragenden! Das war meine traurige Erkenntnis nach vier Jahren Afghanistan-Krieg. Mit unserer "Kinderhilfe Afghanistan" versuchen wir gerade diesen Gruppen, welche unter dem Talibanregime besonders zu leiden hatten, wieder Hoffnung zu geben und neue Perspektiven zu bieten. Deshalb bauen wir vor allem in den Dörfern in den Ostprovinzen Schulen, dort wo die Taliban derzeit wieder erstarken und wo sich andere Hilfsorganisationen aus Sicherheitsgründen scheuen zu arbeiten. Unsere wichtigsten Unterrichtsfächer sind „Umgang mit Minen und Blindgängern“ und „Erziehung zum Frieden“. Und so konnten wir in den letzten drei Jahren, seit Herbst 2001, in vier Ostprovinzen 13 Schulen für rund 35.000 Schülerinnen und Schüler bauen. Etwa 800 Lehrerinnen und Lehrer haben hier eine Anstellung gefunden. Dazu wurden fünf Computerschulen, acht Basisgesundheitsstationen und eine Mutter-Kind-Klinik eingerichtet. Die medizinische Fakultät der Universität in Jalalabad wird von uns mit Lehrmaterial ausgestattet, und wir unterstützen die miserabel bezahlten Professoren der Vorklinik mit Geld und Technik.

Newsletter:

Über welchen Erfolg Ihrer Arbeit haben Sie sich persönlich am meisten gefreut?

Dr. Erös:

Bis zum heutigen Tage ist es mir gelungen, unsere Projekte ausschließlich mit privaten Spenden zu finanzieren. Auf meinen Vortragsreisen an deutschen und ausländischen Schulen und Hochschulen – ungefähr 750 Vorträge seit dem 11. September 2001 – erfahre ich eine phantastische Resonanz. Über dreihundert deutsche und ausländische Schulen unterstützen inzwischen unsere Arbeit.

An der Princeton University und der University of Georgia haben Professoren und Studenten im Frühjahr 2004 einen Förderkreis für unsere „Kinderhilfe Afghanistan“ gegründet.

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Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft Afghanistans?

Dr. Erös:

Die grundsätzliche Gestaltung der Zukunft Afghanistans können wir getrost den in über 3000 Jahren Kultur geschulten Afghanen überlassen. Wir, das „zivilisierte Ausland“ , sollten zuallererst den „Schrott wieder aufzuräumen“, den Supermächte und Nachbarländer dort in 23 Jahren Krieg hinterlassen haben.

Meine restlichen Wünsche finden unsere Leser in meinem Buch „Tee mit dem Teufel“, erschienen 2002 bei Hoffmann& Campe, Hamburg.

Newsletter: Vielen Dank für das Interview.


Dieses Interview im Alumni-Newsletter 2-2004



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