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Glasgow, July 2007

 

Exkursion nach Glasgow 24.-.26.7. 2007, im Rahmen des Oberseminars „Working Classes and Working Class Cultures”, Prof. Korte und Prof. Brüggemeier

 

Am Abend des 23.7.2007 treffen die TeilnehmerInnen der Glasgow-Exkursion im „Euro Hostel“ Glasgow ein. Das Hostel ist für unsere Zwecke ideal wegen seiner sehr zentralen Lage in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, River Clyde und Stadtzentrum. Zur Einstimmung brechen wir abends zu einem ersten Orientierungsspaziergang auf. Während das Wetter im ganzen Rest des UK sehr schlecht ist und Teile Englands in den Fluten versinken, scheint in Glasgow die Sonne. Spontan beschließen wir, die Necropolis anzusehen, ein Gelände hoch über der Stadt, das 1650 von einer Vereinigung von Kaufleuten erworben worden war. Lange als „Fir Park“ bekannt, wurde das Landstück im 19. Jahrhundert schließlich zu einem viktorianischen Friedhof. Wir sind beeindruckt von den imposanten Grabmälern im Abendlicht und dem Blick über die Stadt.
Für den nächsten Tag haben wir uns ein volles Programm vorgenommen. Wir beginnen mit einem Spaziergang durch die „Merchant City“. Dieses Stadtviertel, das seit dem 17. Jahrhundert von der Stadtverwaltung Glasgows und zunehmend von Kaufleuten genutzt wurde, wird nach einer Zeit des Niedergangs gerade aufwendig wiederbelebt. Viele - vor allem neoklassische Gebäude - zeugen von der Blütezeit der „Second City of the Empire“. Danach gehen wir in den „People’s Palace“, einem Museum für Stadtgeschichte, das Eindrücke aus verschiedenen Zeiten und Lebensbereichen der Bevölkerung Glasgows vermittelt.
Das „Tenement House“ in der Buccleuch Street ist ein Paradebeispiel viktorianischer Wohnungsbaupolitik. Eine Stenotypistin, die 1911 in eine der Wohnungen zog, verbrachte dort den größten Teil ihres Lebens, ohne an der Wohnung etwas zu verändern. Nur Elektrizität wurde 1960 installiert. Nach dem Tod der Dame stellte sich die Wohnung als eine Art Zeitkapsel heraus und wurde 1982 vom National Trust gekauft. Möbel, Kücheneinrichtung, Raumaufteilung sind aus dem späten 19. Jahrhundert erhalten. Es gibt auch zahlreiche Dokumente und persönliche Gegenstände aus dem Leben dieser Bürgerin Glasgows zu sehen, die offensichtlich nichts wegwerfen konnte.
Mit dem „Clyde Waterbus“ geht es bei strahlendem Sonnenschein, auf den wir gar nicht eingerichtet sind (einige von uns vermissen schmerzlich leichte Kleidung und Sonnenbrille – wer hätte das erwartet?), zum Maritime Museum nach Braehead. Hier wird die Geschichte Glasgows als Schiffsbau- und Handelsmetropole unterhaltsam dargestellt.
Unser Abendspaziergang führt uns in die Gorbals, die seit der Industrialisierung ein problematisches Viertel waren, gekennzeichnet von Armut und Kriminalität. Versuche, nach dem Zweiten Weltkrieg die Wohnverhältnisse zu verbessern, waren nicht übermäßig erfolgreich, da die errichteten Hochhausbauten vorhandene soziale Strukturen zerstörten. Man kann in den Gorbals noch etliche verlassene Hochhausblocks sehen, die mit ihren zerbrochenen Fensterscheiben einen düsteren Eindruck bei uns hinterlassen. Inzwischen gibt es weitere Versuche im sozialen Wohnungsbau sowie zahlreiche Sozialprojekte, die erfolgreicher verlaufen sind.
Den folgenden Tag verbringen wir in New Lanark, einer Textilfabrik mit zugehöriger Siedlung, etwa eine Stunde von Glasgow entfernt. New Lanark, heute Unesco-Weltkulturerbe, gehörte von 1800-1825 dem Industriellen Robert Owen, der dort seine Ideen für Sozialreformen zu verwirklichen suchte. Die Gebäude (neben den Fabriken Wohnhäuser, eine Schule und ein Laden) können besichtigt werden und vermitteln einen anschaulichen Eindruck von den Lebensbedingungen, die für unsere Vorstellungen extrem hart waren (es war ein reformerischer Fortschritt Owens, dass Kinder bis zum Alter von zehn Jahren zur Schule gehen konnten und nicht in den Webereien arbeiten mussten – man kann sich vorstellen, wie die Bedingungen in anderen Fabriken waren).

Am Donnerstagvormittag besichtigen wir gemeinsam die „Glasgow School of Art“, die 1845 als Kunstakademie gegründet wurde und heute noch verschiedene Studiengänge in Kunst und Design anbietet. Das Gebäude wurde ab 1896 nach Plänen von Charles Rennie Mackintosh errichtet und hat uns mit seiner klaren Formensprache beeindruckt. Teilweise ist das – ebenfalls von Mackintosh entworfene – Interieur erhalten, so etwa die Bibliothek.

Glasgow ist eine sehr lebendige Großstadt, deren Geschichte mit allen Höhen und Tiefen noch sichtbar ist. Wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe waren auch in Blütezeiten – und sind es bis heute – ungleich verteilt. Wir haben einen ersten Einblick in die Veränderungen einer Industriemetropole gewonnen, der bei vielen in der Gruppe den Wunsch geweckt hat, zur weiteren Erkundung wieder nach Glasgow zurückzukehren.



Dorothea Rösch, Ulrike Zimmermann

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