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2007 Berlin/ Leipzig/ Torgau

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Exkursion nach Ostdeutschland, 03.-07. März 2007
geleitet von Dr. Julia Obertreis

Im Anschluß an das Proseminar „Geschichte der DDR – Repression, Opposition und Aufarbeitung“, das im Wintersemester 2006/07 unter Leitung von Frau Dr. Julia Obertreis stattfand, unternahmen wir im März 2007 eine viertägige Exkursion nach Ostdeutschland (Berlin – Leipzig – Torgau).

Am 03.03.2007 begannen wir die Reise nach Berlin mit dem Zug und erreichten mit etwas Verspätung am Nachmittag Berlin Hauptbahnhof. Nachdem wir das ganz in kaltes blaues Neonlicht getauchte Hostel „Generator“ im Ostteil der Stadt am S-Bahnhof Landsberger Allee in aller Eile bezogen hatten, fuhren wir so schnell wie möglich zu unserem ersten Termin in der ehemaligen Zentrale der Staatssicherheit in der Normannenstraße. Das dort eingerichtete Museum in Originalräumen besichtigten wir mit einer Führung, wobei der Führer sich als ehemaliger Angehöriger der alternativen Kulturszene der DDR vorstellte. Dementsprechend war seine Einführung in die Thematik, die er uns im Foyer gab, eindeutig: wir hätten es bei der DDR mit einem totalitären Staat zu tun und die Parallelen zum Nationalsozialismus seien unverkennbar. Die Stasi-Repression habe die DDR ausgemacht, nicht der Trabant.
Hans Modrow bekomme heute eine gute Pension, dagegen seien 70% der von der Stasi Verfolgten heute in psychotherapeutischer Behandlung.

Von den Exponaten beeindruckten vor allem Mielkes Kabinett und die Einweckgläser mit Geruchsproben, die die Stasi gesammelt hatte. Leider war die Zeit im Museum zu kurz bemessen.
Nach einem Abendessen in Berlin-Mitte im Café „Mittendrin“ in der Sophienstraße (in dem zu unserer Erheiterung nicht berlinerische, sondern eher badische Küche geboten wurde) und einem kurzen Rundgang durch das ehemalige Scheunenviertel fuhren wir mit der S-Bahn nach Friedrichshain und suchten dort die Kneipe „Die Tagung“ in der Wühlischstraße auf. Diese ist ein gutes Beispiel für den diskussionswürdigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit: die ganze Kneipe ist über und über mit Überbleibseln aus der DDR bestückt, vom Honecker-Porträt bis hin zu Schildern aus Betrieben mit mahnenden Aufforderungen, effektiver zu arbeiten. Auch die Gestaltung der Getränkekarte war ganz auf das DDR-Thema abgestimmt und mit den „Geboten der Jungpioniere“ verziert.

Am Sonntag, den 04.03., besuchten wir vormittags die Gedenkstätte Hohenschönhausen, das ehemalige Untersuchungshaftgefängnis der Stasi. Nach einem 30minütigen Einführungsfilm besichtigten wir die Gefängnisanlage mit einem ehemaligen Inhaftierten, Herrn Helmut Richter. Es war sehr eindrucksvoll, von ihm nicht nur Details über die Haftbedingungen zu hören, sondern auch über seine eigenen Erfahrungen. So beschrieb er zum Beispiel, wie er sich mit anderen Häftlingen in der Isolationshaft durch Klopfzeichen an die Wände verständigte und seine Fingerknöchel davon ganz blutig waren. In einem ehemaligen Vernehmerzimmer schilderte er seine Erinnerungen an die Verhörstrategien der Stasi, die unter anderem beinhalteten, das Gewähren von „Privilegien“ wie Zigaretten von bestimmten Zugeständnissen des Häftlings abhängig zu machen.

Am Nachmittag teilte sich die Gruppe. Ein Teil besuchte das Jüdische Museum, der andere das Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Letzteres kann als Beispiel für eine kommerzialiserte Version der musealen Darstellung der DDR-Vergangenheit gelten, die zwar wichtige Informationen vermittelt, aber auch auf die Sensationslust (Thema Flucht) der Besucher/innen ausgerichtet ist.
Am Montag machten wir uns auf in den Prenzlauer Berg, wo die Künstler- und Alternativenszene der DDR konzentriert war. Hier findet sich die Robert Havemann-Gesellschaft, die mehrere private Archive unterhält. Die Archivleiterin, Frau Krone, stellte uns das Archiv vor, das neben ehemaligen Samisdat (Selbstverlag) -Zeitschriften und vielen anderen schriftlichen Quellen zur Opposition wie Flugblättern auch persönliche Nachlässe von Mitgliedern der Opposition sowie umfangreiches Filmmaterial enthält. Herr Weißbach, der Geschäftsführer, erklärte uns am Beispiel der Jenaer Friedensbewegung Grundzüge der Arbeit der Opposition, kam aber auch auf seine eigene Biographie als „Ausreiser“ zu sprechen. In einer abschließenden Diskussionsrunde mit beiden Archivmitarbeitern gewährte Frau Krone Einblick in ihre Lebensgeschichte als ehemalige Angehörige einer oppositionellen Frauenbewegung. Das Gespräch kam auch auf den gerade mit einem „Oscar“ prämierten deutschen Film „Das Leben der anderen“, den Frau Krone recht kritisch beurteilte. Auch unsere Führer in der Normannenstraße und in Hohenschönhausen hatten sich zu dem Film geäußert, der offenbar die Gemüter bewegt und einen guten Anlaß gibt, über das konkrete Vorgehen der Stasi und die Folgen der Repressionen zu sprechen.

Vom Prenzlauer Berg aus ging es über einen Abstecher ins Hotel zum Hauptbahnhof, von dem aus wir nach Leipzig fuhren. Dort bezogen wir Quartier in einem gemütlichen Hostel in der Innenstadt. Am Nachmittag erwartete uns eine Mitarbeiterin des Bürgerkomitees Leipzig (zur Auflösung der ehemaligen Staatssicherheit) e.V. zu einer Stadtführung mit dem Thema „Auf den Spuren der Friedlichen Revolution“. Sie zeigte uns die Nikolaikirche, in der die berühmten Friedensgebete stattgefunden hatten sowie verschiedene wichtige Punkte der großen Demonstrationen von 1989. Anschließend führte sie uns durch das Stasi-Museum „Runde Ecke“. Die dortige Ausstellung hat uns sehr beeindruckt, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt schon recht müde und nicht mehr sehr aufnahmefähig waren. Als Beispiel für die vielen hochinteressanten Exponate sei ein Aufsatz eines 14jährigen Jungen genannt, den er im Frühjahr 1989 in der Schule abgab. Der mehrseitige Aufsatz ist komplett erhalten und ausgestellt. Darin kritisiert der Schüler die Regierung, die Mängel der in der DDR gebauten Autos und schildert den brutalen Einsatz von Polizeikräften gegen Jugendliche, die sich in Ost-Berlin am Brandenburger Tor versammelt hatten, um das auf der Westseite stattfindende Konzert von Michael Jackson mitzuhören. Die Mutter des Jungen wurde zwar zur Stasi zitiert, die Angelegenheit hatte aber wohl für die beiden keine weiteren Folgen.

Am Abend liefen wir recht weit aus der Innenstadt hinaus auf der Karl-Liebknecht-Straße, die liebevoll „Karli“ genannt wird. Im „Café Puschkin“ konnten wir uns ausruhen, ein schönes Essen genießen und in Ruhe in der ganzen Gruppe über die bisherige Exkursion sprechen: diese war für uns insofern interessant, als wir die Orte haben besichtigen können, wo die wichtigsten Ereignisse, über die wir im Seminar gesprochen hatten, sich abgespielt haben. Beeindruckend war für viele der direkte Kontakt zur Geschichte, sei es in Form von Gesprächen mit Zeitzeugen oder durch die Besichtigung geschichtsträchtiger Gebäude, durch welche insgesamt der Eindruck vermittelt wurde, dass man Geschichte auch erleben kann und das Studium sich nicht nur auf die Universität und die Bibliothek beschränkt. Die Exkursion war eine gute Illustration des Proseminars, die die Geschichte lebendig machte. Wir konnten die Stimmung der ehemaligen DDR erleben.
Besonders wichtig war uns die Begegnung mit Zeitzeugen, die offen über ihre eigene persönliche Geschichte sprachen: Ob ehemalige Oppositionelle, Gefangene oder Ausreisende – wir stellten fest, dass alle von ihnen unser Bewusstsein für die Problematik der Aufarbeitung, die in Zeiten von „Ostalgieshows“ sehr um ihre Wahrhaftigkeit zu kämpfen hat, stärkten. Die Zeitzeugen brachten allesamt zum Ausdruck, dass die Aufarbeitung der Diktatur im öffentlichen und politischen Bewusstsein vor allem im Bezug auf die Opfer noch nicht beendet ist und nicht beendet sein darf.
Für fast alle Teilnehmer war es die erste Exkursion mit der Universität. Als Gruppe haben wir uns sehr gut verstanden, was sich z.B. dadurch zeigte, dass wir auch nach dem „offiziellen“ Programm zusammen blieben und die Abende gemeinsam ausklingen ließen. In einem Studium, in welchem es (im Vergleich zur Schule) keine festen Klassen gibt, erachteten wir die Durchführung solcher Veranstaltungen als sehr bereichernd.

Am letzten Tag, dem 06.03., fuhren wir morgens früh mit dem Zug von Leipzig nach Torgau an der Elbe. Dieses Städtchen ist dafür bekannt, daß sich hier sowjetische und US-amerikanische Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs begegneten. Für uns aber war vor allem die mit der DDR verbundene Geschichte Torgaus als Haftort interessant. Herr Oleschinski, Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) Torgau, nahm uns schon am Bahnhof in Empfang und ließ uns mit einem Bus zur JVA in Torgau fahren. Dieser Ort, das Fort Zinna, ist wegen der Kontinuität als Haftort interessant. Hier war seit dem 19. Jahrhundert ein Gefängnis, unter den Nationalsozialisten ein Wehrmachtsgefängnis, seit 1945 ein sowjetisches Speziallager und anschließend DDR-Strafvollzug. In die JVA gelangten wir nur unter Vorlage der Personalauweise bzw. Reisepässe und nachdem wir in kleinen Gruppen die „Schleuse“ passiert hatten. Der Leiter der Gefangenenaufsicht führte uns durch das Gelände und stellte uns die wichtigsten Bereiche vor. Von Ferne sahen wir einige Häftlinge, die mit kurzgeschorenen Haaren, Muskeln und Piercings dem allgemeinen Klischee entsprachen. Wir konnten in einen Gefängnistrakt hineingehen und sogar in eine Zelle schauen.


Nach dem Besuch in der JVA fuhren wir mit dem Bus weiter durch die Stadt, wobei Herr Oleschinski uns viel erklärte und zeigte, zu einem weiteren ehemaligen Wehrmachtsgefängnis, das heute halb verfallen ist. Von dort hat man einen guten Blick auf das Torgauer Schloß und die Stelle, an der die besagte Begegnung von sowjetischen und amerikanischen Truppen stattfand.
In einem Flügel von Schloß Hartenfels, das im 16. Jahrhundert die Residenz der sächsischen Kurfürsten war, ist die Ausstellung des DIZ Torgau untergebracht, die sich den Haftorten Torgaus seit der nationalsozialistischen Zeit widmet. Herr Oleschinski führte uns sachkundig durch die sehr gut gemachte Ausstellung. Wir bedauerten, daß wir angesichts schwindender Kräfte und der knappen Zeit nicht mehr für alle Details empfänglich waren.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof zu Fuß sahen wir immerhin noch etwas von dem schmucken barocken Torgau, das die Stadt natürlich lieber präsentiert als die Geschichte der Lager und Gefängnisse. Herr Oleschinski begleitete uns freundlicherweise bis zum Zug.

Über Leipzig und einen kurzen Aufenthalt am Hauptbahnhof mit Mittagessen in Kleingruppen fuhren wir heim nach Freiburg, wobei der Zug wieder Verspätung hatte. Daß wir eine Stunde später als geplant und erst um 23.00 Uhr in Freiburg ankamen, änderte aber nichts an dem Gefühl, viel erlebt und eine gute Erfahrung als Gruppe gemacht zu haben.

Neuerscheinungen
  • Laura Ritter: Schreiben für die Weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920–1965. Köln 2019.
  • Martin Faber: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018.
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

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