Uni-Logo
Sie sind hier: Startseite Exkursionen 2008 St. Petersburg/ Petrozavodsk
Artikelaktionen

2008 St. Petersburg/ Petrozavodsk

exkursionen banner

 

Exkursion nach St. Petersburg und Petrozavodsk, 18.-26. September 2008
geleitet von Dr. Julia Obertreis und Prof. Dr. Dietmar Neutatz


Glücklich mit der Lufthansa in Petersburg angekommen bezogen wir zunächst unser Domizil in der Innenstadt, das „Puppet Hostel“ in der Nekrasov-Straße, das neben einem Marionetten-Theater liegt und von der Straße aus kaum zu finden war, weil nur eine unauffällige Tafel über der Haustür einen Hinweis darauf gab. Abends landeten wir auf der Suche nach einem Abendessen in einem Bistro mit dem Namen „Bei der Schwiegermutter zum Bliny-Essen“ (Bliny sind Plinsen, kleine dünne Pfannkuchen). Hier sammelten wir erste Erfahrungen darin, in einer Gruppe mit 19 Leuten in einem Selbstbedienungsrestaurant möglichst schnell und reibungslos für alle etwas Passendes zu essen zu finden. Die des Russischen Mächtigen halfen den anderen, sich verständlich zu machen, und einige Brocken Englisch der Bedienung halfen auch. Bei der Schwiegermutter entstand bei lauter Live-Musik eine erste Kontaktaufnahme mit echten Russinnen und Russen am Nachbartisch, die auf Hochzeitsreise waren. Später am Abend wurde noch Geld gewechselt (sowohl Geschäfte als auch Wechselstuben haben z.T. 24 h geöffnet), so daß wir für den Start in unser Programm am nächsten Morgen gerüstet waren.

Das Frühstück im Hostel war gewöhnungsbedürftig, aber immerhin hatte man nachher das Gefühl, etwas gefrühstückt zu haben. So ging es los, bei grauem Himmel, aber ohne Regen, auf einen Fußmarsch, der gefühlte drei Tage am Stück anhalten sollte. Wir sahen die Blut-Erlöser-Kirche, die an der Stelle gebaut wurde, an der Zar Alexander II. 1881 von revolutionären Terroristen ermordet wurde, das berühmte, unter Katharina II. errichtete Denkmal für Peter I., das als Sinnbild für Petersburg gilt und die Admiralität, eines der ersten Gebäude der Stadt, die über mehrere „Ecken“ hinweg an drei Ufern der Newa 1703 von Peter I. gegründet worden war. Auf dem Schloßplatz hörten wir ein Referat über den Winterpalast, dessen angebliche Erstürmung zu Beginn der Oktoberrevolution 1917 weltberühmt geworden ist. Nach der Mittagspause hatten wir eine Führung in entzückendem Deutsch in der Ermitage. Die Fülle der dort ausgestellten Kunstschätze und die Größe der Gebäude erschlug uns beinahe, aber neben der Betrachtung vieler prächtiger Einzelexponate wurden die engen Bezüge zwischen russischer und westeuropäischer Kunst sichtbar, was für Gedrängel und kilometerweites Laufen reichlich entschädigte.

Abends besuchten wir ein Konzert mit Mozart-Musik im Jusupov-Palais, einem ehemaligen Adelspalais, das heute als Museum dient. Das kleine Theater, in dem das Konzert stattfand, war ein Barock-Traum. Die Musik konnte streckenweise leider nicht ganz mithalten, der Pianist verspielte sich dauernd, nachdem er einmal aus dem Takt gekommen war. Anschließend ging es ins Café „Idiot“, nach einem Werk von Dostojewski benannt, wo in sehr gemütlichem Ambiente neben vegetarischer Küche auch Wodka gereicht wird und sich sogar Bekannte aus Freiburg fanden.

Die nächsten beiden Tage setzte sich der Fußmarsch durch Petersburg fort, unterbrochen durch organisierte Mittag- und Abendessen in Cafés und Bistros, die sich mehr im Interieur als im Speisenangebot unterschieden sowie durch kurze Fahrten mit der Metro, die weit unter der Erde liegt und in die man auf unvorstellbar langen Rolltreppen in die Tiefe gelangt. Wir erfuhren am zweiten Tag eine Menge über Alexander Newski, den Newskij Prospekt (Hauptstraße und Flaniermeile Petersburgs), das große Kaufhaus Gostinny Dwor, den Heumarkt und die Kasaner Kathedrale. Nachmittags führte uns ein Dozent der Petersburger Universität zunächst in sein Arbeitszimmer und die erstaunlich gute Mensa, dann auf der Wasilij-Insel herum, dem ehemaligen Hauptwohngebiet der Petersburger Deutschen. Am dritten Tag war die Metro selbst Thema einer Führung – sehr interessant, aber leider nicht vollständig zu verstehen, da auf dem Prinzip, alle Referate vor Ort zu halten, beharrt wurde und in der Metrostation die im Minutentakt verkehrenden Züge eine permanente Lärmkulisse erzeugten. In den 1930er Jahren versuchten die Kommunisten, das Stadtzentrum Leningrads (seit 1924 umbenannt) nach Süden zu verlagern, hier besuchten wir einen riesigen Platz mit ebensolcher Lenin-Statue vor dem „Haus der Sowjets“.
Ein Höhepunkt des Petersburger Programms war der Besuch bei einer Freundin der Exkursionsleiterin, Natalja Vasiljevna Dadali, die uns ihre 5-Zimmer-Wohnung auf dem Litejnyj Prospekt zeigte. In der kommunistischen Zeit war es eine sogenannte „Kommunalwohnung“ gewesen, in der einander fremde Mietparteien die einzelnen Zimmer belegten und gemeinsam Flur, Küche und Bad nutzten. Natalja konnte tolle Geschichten über die Vergangenheit der Wohnung erzählen und hatte sogar einige Gegenstände vorbereitet, wie etwa Tapeten aus dem 19. Jahrhundert, die sie beim Renovieren an den Wänden gefunden hatte. Sie führte uns anschließend noch ins nahegelegene Museum Anna Achmatowas, einer berühmten Petersburger Dichterin. Nach diesem dichten und abwechslungsreichen Petersburg-Programm taten uns die Füße weh. Etwas erholen konnten wir uns abends im Zug, mit dem wir über Nacht nach Petrozavodsk reisten.

Petrozavodsk liegt in Karelien, einer Region, die historisch lange zwischen Finnen und Russen umkämpft war und jetzt im Osten zu Russland, im Westen zu Finnland gehört. Am Zug holte uns der Historiker Alexej Golubev ab, der sich die folgenden Tage rund um die Uhr um uns kümmern sollte. Er drängte uns in den Bus der Universität, der angesichts einer riesigen Botaniker-Konferenz, die just an dem gleichen Tag begann, heftig umkämpft war, uns dann aber doch zu dem Hostel brachte, wo die Studierenden untergebracht waren. Obwohl nicht weit vom Zentrum schien man hier schon am Stadtrand zu sein, mit ziemlich heruntergekommenen Häusern (Plattenbauten und kleine Holzhäuser) und Straßen, die mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt bestanden. Die Exkursionsleitung war komfortabler untergebracht, in einem großen Hotel aus der Stalinzeit, direkt an der Hauptstraße Lenin-Prospekt. Generell sind die kommunistischen Straßennamen hier fast alle erhalten geblieben, was niemanden zu stören scheint. Nach einem reichhaltigen Frühstück im Café „Die Pariserin“, das durch sein gediegenes Ambiente bestach, wurden wir mit dem Bus abgeholt auf eine Stadtrundfahrt, die Alexejs Student/innen organisiert hatten. Sie präsentierten uns die wichtigsten Orte auf Englisch, darunter das Lenin-Denkmal, das Lenin mit Pelzmütze zeigt. Die Führung endete in einem „Seemanns-Klub“ am Ufer des großen Onegasees, an dem Petrozavodsk liegt. Hier bauen echte Enthusiasten schon seit der späten sowjetischen Zeit selbst Schiffe, mit denen sie abenteuerliche Fahrten unternehmen. Das Dolmetschen der irren Geschichten, die sie dabei erlebten war für die Exkursionsleitung angesichts der nuschelnden Aussprache und des maritimen Fachvokabulars eine Herausforderung. Die anhand von Fotocollagen detailliert ausgeführten Abenteuergeschichten hatten für uns nur begrenzten Informationswert. Auf einer der Koggen entstanden immerhin schöne Gruppenfotos bei Sonnenschein. Nachmittags gingen wir zum ersten Mal in die Universität, die auch mitten in der Stadt am Lenin-Prospekt liegt. In einem schicken Konferenzraum waren wir zum Zeitzeugengespräch geladen. Es sprach Professor Schumilow, der uns mit seinen sowjetisch geprägten Ansichten irritierte und prompt eine Debatte über die Beurteilung des stalinistischen Terrors provozierte. Professor Schumilow ist zwar schon emeritiert, verfasst aber immer noch Lehrbücher, hält Pflichtlehrveranstaltungen und verbreitet auf diese Weise sein Geschichtsbild unter den Studenten.
Am nächsten Tag besuchten wir mit einer Reiseführerin, die sehr gut Deutsch konnte und uns geduldig alles zeigte, die Insel Kizhi im Onegasee. Die beeindruckende altrussische Holzarchitektur und die schöne skandinavische Landschaft harmonierten wunderbar, und wir erfuhen einiges über bäuerlichen Alltag im 19. und frühen 20. Jahrhundert anhand eines als Museum gestalteten Bauernhauses. In der Kirche hatten drei „Mönche“ vor der Ikonostase überirdisch schön für uns gesungen, aber auf der Rückfahrt im Tragflügelboot saßen sie in Zivilkleidung im Boot, hatten ihre Mönchskutten in Plastiktüten dabei und vertrieben sich die Zeit mit Computerspielen.

Der Programmpunkt „Abendessen in Kleingruppen in Petrozavodsker Familien“ verlief etwas anders als erwartet. Es war nicht vollständig zu klären, warum dieser Abend nicht planmäßig verlaufen konnte, aber allgemeine Kommunikationsprobleme bestanden offensichtlich. So kam unsere gesamte Teilnehmergruppe in den Genuss der russischen Gastfreundschaft einer einzigen Familie. Der Tisch war reichlich gedeckt und es war tatsächlich möglich, über 20 Esser mehr oder weniger um die Tafel zu platzieren. Unser Dankeschön bestand in einer Darbietung deutschen Liedguts, was zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Auch von Seiten der Gastgeberin erhielten wir interessante Informationen, unter anderem konnten wir einen Deutschlandreiseführer aus den 70er Jahren und aufwändige Patchwork- und andere Handarbeiten der Gastgeberin bewundern. Den folgenden Tag dominierte der akademische Höhepunkt der Reise, das Seminar mit den Petrozavodsker Geschichtsstudenten zum Thema „The Russian North“, das komplett in englischer Sprache abgehalten wurde. Die russische Seite überraschte uns mit guten Vorträgen und noch besseren Power Point-Präsentationen. Einige von Alexejs Studierenden sind Mitglieder einer Folkloregruppe, und ihr ganzes Ensemble bot uns abends in den Fluren der Universität eine schöne Musik-, Gesang- und Tanzdarbietung mit karelischen, finnischen und nordrussischen Liedern, die uns daran erinnerte, wie lebendig die Vielvölkerkulturen Russlands sind.

Am letzten Tag unternahmen wir einen Ausflug mit dem Bus, gemeinsam mit den Petrozavodsker Studierenden, Richtung Weißmeer-Ostsee-Kanal. Ein Referat von unserer Seite stimmte auf die Thematik ein: Den Kanal haben Häftlinge der Gulag-Lager in den 1930er Jahren gebaut, und zunächst war damit noch die Idee von der „Umschmiedung“ des Menschen durch Arbeit verbunden. Dementsprechend wurde auch die Propaganda aufbereitet, die den Kanalbau begleitete - im Lager und auch außerhalb. Die Angaben zu der Anzahl der beteiligten Häftlinge schwanken zwischen 60 000 und 126 000. Auch die Zahl der Todesopfer während des Kanalbaus variieren zwischen 15 000 und 50 000. Das hindert die Stadtverwaltung nicht, auf einer großen Tafel zum 70-jährigen Bestehen der Stadt von deren "ruhmreichen Traditionen" zu schreiben. Es versteht sich da fast schon von selbst, dass auf dem zentralen Hauptplatz nach wie vor Sergej Kirov auf seinem Sockel steht - wie übrigens in Petrozavodsk auch.

Wir kamen gegen Mittag in Medweschegorsk an, das damals Ort der Hauptverwaltung der Kanalbaustelle war. Das große „Stalin-Hotel“, in Form eines Schiffes gebaut, beherbergt heute unter anderem ein Regionalmuseum. Ein Mitarbeiter des Museums eröffnete uns, daß wir, anders als geplant, den Kanal selbst leider nicht würden besichtigen können, da gerade an diesem Tag Militärmanöver stattfänden. Damit mußten wir uns abfinden und wurden mit einem Alternativprogramm versorgt, das einen erholsamen Waldspaziergang und die Besichtigung von finnischen Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg beinhaltete. Das Regionalmuseum besuchten wir nur kurz, um dann noch Zeit zu haben für einen Abstecher nach Sandarmoch, einer Gedenkstätte für einige Tausend Opfer des stalinistischen Massenterrors, die 1937 an dieser Stelle im Wald erschossen und verscharrt worden waren. Seit ein paar Jahren stellen Angehörige hier Kreuze und Gedenktafeln auf, und in einer kleinen Kapelle liegt ein Buch aus mit den Namen aller Opfer. Abends, nach der Rückkehr nach Petrozavodsk, bestand die Exkursionsleitung auf einer Evaluationsrunde vor dem Abendessen. Dabei wurde u.a. deutlich, daß die ersten drei Tage in Petersburg körperlich sehr anstrengend gewesen waren, aber doch lohnend und daß der Kontakt zu den Petrozavodsker Studierenden sich erst nach einigen Hindernissen (v.a. Schüchternheit von deren Seite) intensiviert hatte.

Die Rückfahrt zum Flughafen in Petersburg erfolgte am nächsten Tag mit einem Bus, den die Petrozavodsker Organisatoren so knapp bemessen hatten, daß bei jedem Halt erst einmal viele Taschen und Koffer aus dem Gang geräumt werden mußten, bevor jemand aussteigen konnte. Die russische „Autobahn“ bot die Möglichkeit, manch waghalsige Überholmanöver zu beobachten und rüttelte uns gut durch. Mittags machten wir Rast an einer Klosteranlage, wo eine Führerin und ein Priester uns über das Wunder aufklärten, daß der Leichnam von Alexander Swirskij bis heute erhalten ist. Wir durften an dessen Sarg vorbei defilieren und einen Blick auf seinen Fuß werfen, der unter einer Samtdecke hervorschaute. Nach dem Flug nach Frankfurt und einer erneuten Busfahrt kamen wir spät abends am Freiburger Konzerthaus an – müde und glücklich und voller Eindrücke.

Neuerscheinungen
  • Laura Ritter: Schreiben für die Weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920–1965. Köln 2019.
  • Martin Faber: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018.
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

Kontakt
Besucheranschrift:
Rempartstraße 15
Kollegiengebäude IV
Raum 4410
 
 
Postanschrift:
Historisches Seminar
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
79085 Freiburg im Breisgau
 
Tel.:  +49 (761) 2 03-34 35
Fax.: +49 (761) 2 03-91 90
Mail: oeg@geschichte.uni-freiburg.de
Benutzerspezifische Werkzeuge