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2014 Usbekistan

Exkursion nach Usbekistan

im Rahmen der Übung "Zwischen imperialer Peripherie und nationaler Identität – Usbekistan im 20. Jahrhundert" im SoSe 2014

„Usbekistan? Wo liegt das denn?“ – Meistens war das die erste Frage, die man von Verwandten oder Freunden zu hören bekam. Der Blick in den Reiseführer verriet allenfalls Klischees über den Traum aus „1001 Nacht“, die Nationalgerichte mit Hammelfleisch und gegorener Stutenmilch oder eine gewisse Sowjetnostalgie. Und dennoch waren dies gewissermaßen Anknüpfungspunkte der Teilnehmer einer studentischen Exkursion nach Zentralasien.

250 px mausoleum-samarkand.pngvon Bouchra Mossmann

Im Juni diesen Jahres bereisten ein Dutzend Studierende der Historischen Seminare der Universitäten Freiburg und München, begleitet von den drei Dozenten Sören Urbansky, Michel Abeßer und Lena Radauer, die drei großen usbekischen Städte Samarkand, Buchara und Taschkent. Dem waren Wochen intensiver Vorbereitung, Literaturrecherche sowie ein Wochenend-Workshop zur Diskussion des Forschungsgegenstands und der vier studentischen Teilprojekte vorausgegangen. Jeweils zu dritt erarbeiteten die Studierenden Thesen und Fragestellungen für ihre Forschungsarbeit vor Ort. Zentral waren dabei die Fragen nach der Entwicklung des postsowjetischen Nationalstaates seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 sowie nach den bestimmenden Faktoren in der usbekischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit dem Ziel, die aus der vorbereitenden Lektüre gewonnenen 250px _ zitadelle-buchara.pngVorstellungen vor Ort zu überprüfen und empirische Forschung für die studentischen Projekte durchzuführen, konzentrierten sich die vier Arbeitsgruppen auf folgende Themen: die Entwicklung des Stadtbildes von Buchara und Taschkent seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die Tourismusgeschichte des Landes, die Narrative der musealen Darstellung und schließlich der heute als Nationalheld Usbekistans verehrte Timurlenk. Alle vier Projekte setzten sich implizit mit der Frage auseinander, inwieweit der Einfluss der russischen bzw. sowjetischen Herrschaft die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Usbekistans geprägt hat und weiterhin prägt. Stadtentwicklung, Tourismusgeschichte, Musealisierung und Inszenierung der usbekischen Geschichte bieten neue Ansatzpunkte, den Weg des Landes von der imperialen Peripherie St. Petersburgs bzw. Moskaus zur nationalstaatlichen Eigenständigkeit nach 1991 zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.

250 px automat-buchara.pngDie Arbeit vor Ort gestaltete sich sehr frei. Unter Anleitung der Dozenten konnten die Studierenden nach einer Führung in der jeweiligen Stadt die verbleibenden Tage selbständig  zur Recherche nutzen. Die Erkenntnisse tauschten sie, bequem auf Kissen gebettet, bei der allabendlichen Gruppenbesprechung auf dem traditionellen usbekischen Sitzbett (Tapchan) aus, was zu einem Höhepunkt der Reise wurde und den entspannenden Ausgleich zu den täglichen Wanderungen durch die Wüstenstädte bot. Bei 38 Grad im Schatten besichtigten die Teilnehmer Mausoleen, Moscheen und Medresen (Koranschulen), Gräberstädte, Zitadellen und Museen – immer auf der Suche nach Antworten hinter der geheimnisvoll inszenierten, schillernden Orientfassade, die einem als Tourist, besonders in Buchara (dem Ort, an dem Scheherazade gelebt haben soll) geboten wird. Nicht weniger wichtig waren zahlreiche Gespräche mit stets offenherzigen und interessierten Usbeken aller Alters- und Berufsgruppen. Dabei halfen besonders die Russischkenntnisse einiger Studierender. Aber auch viele Usbeken trugen dazu bei, da sie aufgeschlossen und gastfreundlich das Gespräch suchten, um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Es schien manchmal fast, als ob die Reisenden selbst die Attraktion seien und nicht die monumentalen Bauwerke, deren filigrane und bunte Gestaltung mit ausladenden Ornamenten und kalligrafischen Werken die Besucher anfänglich schier erschlug – zumindest für die Usbeken. Häufig wurden die Menschen aus dem Ausland zum Fotomotiv für die einheimische Bevölkerung. Um die ankommenden Besucher des "Silk and Spice Festivals", einer alljährlichen Touristenattraktion, willkommen zu heißen, marschierte in Buchara sogar ein kleines Blasorchester in Landestracht am Bahnhof. Darbietungen von Tanz und Musik in farbenprächtigen Trachten ließen das Festival auch in den Abendstunden allgegenwärtig bleiben.

250 px samoware-samarkand.pngBedeutsam und erinnerungswürdig wurden aber eben auch die vielen kleinen Details der Reise. So nahm die Sammlung des Geldes zum Begleichen der Rechnung eines gemeinsamen Abendessens im Schnitt eine halbe Stunde in Anspruch. Die mehrfach gezählten 250000 Som (wobei Tausenderscheine die größte gängige Banknote waren) gingen in einem Beutel in die vertrauensvollen Hände der eifrigen Kellner, die sich erneut ans Auszählen machten und damit das Prinzip der "Entschleunigung" von einer ganz praktischen Seite her vermittelten. Die Zugfahrt im alten sowjetischen Nachtzug von Buchara nach Taschkent zeigte auch dem einfachen Reisenden deutlich, wie allgegenwärtig die Spuren der ehemaligen Sowjetunion in Usbekistan heute noch sind. Selbst als der Zug sich füllte, drängten sich 15 Studierende und Dozenten zur Gruppenbesprechung in eins der kleinen Kompartiments für jeweils sechs Personen, um das weitere Vorgehen zu planen und die bisherige Arbeit zu reflektieren.

250 px taschkent-timur1.pngDenn als immer konkreter werdendes Ziel stand den Studierenden die Produktion eines publikationsfähigen Textes für einen Sammelband zu den Recherchen bevor. Und so wirkten die Eindrücke auch Wochen nach der Reise noch intensiv nach. Die Teilnehmer begannen das gesammelte Material auszuwerten und erste Entwürfe für die Artikel zu schreiben. Fünf Wochen nach Ende der Reise bot ein weiterer Wochenend-Workshop noch einmal die Möglichkeit, die Arbeiten intensiv zu besprechen, zu verbessern und miteinander zu verknüpfen – und klang außerdem abends bei traditionell usbekischem Schaschlik am Lagerfeuer aus.

250 px taschkent-tass.pngIm Rahmen einer Übung eine Exkursion nach Usbekistan zu veranstalten, stand in keinem Verhältnis zu dem sonst geringeren Arbeitsaufwand einer solchen Lehrveranstaltung. Alle wurden dafür jedoch mit der intensiven Betreuung und Rückmeldung seitens der Dozenten entlohnt, die man so im Studium wohl kaum wieder für eine wissenschaftliche Arbeit erwarten kann. Auch die schöne Atmosphäre in einer motivierten Arbeitsgruppe, mit der man nicht nur viele unvergessliche Erlebnisse und Erinnerungen teilt, sondern auch die Erfahrung, im Team einen wissenschaftlichen Text zu nahezu unbearbeiteten Themen verfasst zu haben, sind des Aufwands wert gewesen.

 

Neuerscheinungen
  • Laura Ritter: Schreiben für die Weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920–1965. Köln 2019.
  • Martin Faber: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018.
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

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