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DFG Kaukasische Verkehrswege

reinhard nachtigal

Dr. Reinhard Nachtigal

Mail: reinhard.nachtigal@geschichte.uni-freiburg.de

Telefon: 0049-761-203-97822

Hansastraße 9

79106 Freiburg im Breisgau

Germany

 

Verkehrswege in Kaukasien.

Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780-1860.


Das größte Land der Welt benötigte rund 90 Jahre, um sich den gebirgigen Grenzsaum in seinem Süden einzuverleiben. Seine Mittel dazu waren über die meiste Zeit beschränkt, daher entwickelte die Führung eine Stützpunktstrategie, die auf ausgedehnten Verkehrsverbindungen beruhte, die ständig bedroht waren, und die indigenen Bevölkerungen auf die eine oder andere Weise einbezog. Für Jahrzehnte bewährte sich diese Lösung in einem naturräumlich schwierigen Gebiet, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das begehrte Objekt dreier Mächte, Persien, Russland und dem Osmanischen Reich bildete, von denen Russland der modernste Staat war. Das Projekt verortet sich im Kontext der Forschung zu Kolonisierungsprozessen und Integrationsstrategien multiethnischer Großreiche. Es untersucht die militärisch-verkehrstechnische Seite von Einverleibung und Herrschaft, die Politik zur Raumsicherung und zum Unterhalt der Kommunikationen. Es soll gezeigt werden, wie in der Zeit vor dem Eisenbahnbau die Verkehrsanbindung kaukasischer Territorien an das Russische Reich funktionierte und wie sie sich auf die Integration der verschiedenen kaukasischen Gebiete auswirkte.

karte heeresstraße

Durch einen Schutzvertrag mit dem christlichen Ostgeorgien 1783 erlangten die Territorien jenseits des Kaukasus-Hauptkamms Bedeutung in der russischen Expansion. Dort wurden seit 1801 immer mehr Teilterritorien an das Zarenreich angeschlossen, die nur über einen Verkehrsweg zugänglich waren, die Georgische Heerstraße (russ. Gruzinskaja voennaja doroga) von Wladikawkas nach Tiflis. Russische Truppen und Ingenieure bauten sie über Jahrzehnte aus, so dass sie als dauerhafte Militärverbindung genutzt werden konnte. Durch die Fragmentierung Kaukasiens, durch „wilde“ Bergvölker und natürliche Einflüsse war diese wichtige Lebensader bis in die Zeit des Krimkriegs ständig bedroht. Die russische Führung bediente sich verschiedener Mittel zur Herrschaftssicherung, als wichtigstes dabei der militärischen Option. Seit 1777 wurde im gesamten Nordkaukasus die kaukasische Linie eingerichtet, eine dünne Grenzverteidigung und Verkehrsverbindung, die von Kosaken entlang der Flüsse Kuban und Terek besetzt wurde.
Die Integration der transkaukasischen Gebiete begann im heutigen Georgien und erfasste erst zuletzt die Gebiete am westlichen und östlichen Hauptkamm. Dieser Prozess überschneidet sich mit militärischen Auseinandersetzungen sowohl mit den südlichen Nachbarn Russlands, den Osmanen und Persern, als auch mit kaukasischen Völkern. Dabei handelt es sich um den bis 1864 dauernden, so bezeichneten Kaukasischen Krieg, den man sich als langfristigen low-intense conflict vorzustellen hat.

georgien 1In den traditionalistischen Gesellschaften erwartete Russland eine schwierige Aufgabe: die Regelung der vormodernen Wirtschafts- und Lebensweisen (gegenseitige [Vieh-]Diebstähle, Menschenverschleppung zum Zwecke von Lösegeldforderungen, Schmuggel, Sklaverei, Polygamie, Nischen für Sektierer usw.). Loyalitäten und Identitäten wechselten auf beiden Seiten, örtliche Gegebenheiten und die Verständigung mit dem potenziellen, aber nicht immer erkennbaren Feind – etwa beim Handel – rangierten auf der unteren Ebene vor staatlichen Interessen. Erst nach dem Krimkrieg  veränderten sich die Verhältnisse im kaukasischen Süden Russlands. Die Reformen Alexanders II. strebten Modernisierung und Zentralisierung an, die durchgängig waren und mit alten Strukturen aufräumten. Das Wirtschaftsgefüge im Kaukasus änderte sich, das übernationale Reich legte sich mit seiner modernen Staatlichkeit über die überkommenen Strukturen der Teilterritorien, ohne aber die ethnischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede zu nivellieren. Im Jahrzehnte währenden innerrussischen Widerstreit, ob die eroberten Gebiete als Kolonie oder als integrale Provinzen des russischen Staats anzusehen seien, obsiegte in der Herrschaftspraxis die kolonialistische Variante in einer Zeit, als Russland sich zur Expansion in Zentralasien anschickte und dabei eine moderne Ideologie der Reichsformierung und -erschließung entwickelte. Nur selten wird dabei deutlich, dass es mit der Eroberung in die vor allem islamischen Bergvölker hineingetragene Konfliktpotenziale waren, die den antirussischen Widerstand jenseits religiöser Momente anfachten: das russische Unverständnis für die islamischen Bergvölker, die meist egalitär-vormodern geprägt waren und durch russische Einbindungsversuche der „indirekten Herrschaft“ von außen hierarchisch strukturiert und feudalisiert wurden.

georgien 3Das Projekt untersucht die staatlich-militärische Sicht, die sich auf die Sicherung von Grenzen und Verkehrswegen konzentrierte, außerdem auf militärische Maßnahmen zur Pazifizierung oder Eroberung. Neben kleineren Feldzügen, die gelegentlich „verbrannte-Erde-Kampagnen“ waren, mit brutaler Härte geführt wurden und ethnische Säuberungen einschlossen, interessiert hier die Politik zur Raumsicherung und Unterhalt der Kommunikationen. Mit ihnen ging die politische Einverleibung und soziale Integration einher. Diese enthielten auch ein beträchtliches Maß an Modernisierung und Europäisierung, das für alle Seiten große Vorteile barg, ohne dass die nichtslawischen und nichtchristlichen Völker deswegen ihre Identität hätten aufgeben oder einschränken müssen. Dieses Modernisierungspotenzial setzt zeitgleich mit dem Ausbau und der Sicherung der Verkehrswege ein; die Kommunikationsmittel sind ein Element der Modernisierung, das vom rein Militärischen in die fremden Gesellschaften hinüberreicht. Die christlichen Völker der Georgier und Armenier, die sich schon früh und freiwillig Russland anschlossen, belegen dies durch ihren Anteil an den Kommunikationen.


georgien 2Das Projekt beleuchtet die militärisch-verkehrstechnische Seite von Einverleibung und Herrschaft. Russland betrieb in seinen Randgebieten einen contiguous colonialism, in der Herrschaftspraxis beruhte es besonders auf seinen Verkehrsverbindungen (Sibirien, Zentralasien). In Hinsicht auf die im Kaukasus durch ethnisch-konfessionelle, damit politische und auch naturräumliche Gegebenheiten besonders komplexen Verhältnisse ist eine spezielle Studie gerade in der Zeit vor dem Eisenbahnbau ein Desiderat. Sie soll aufzeigen, wie sich die Verbindung kaukasischer Territorien mit Russland auf die Integration der Einzelterritorien untereinander als auch im Verband mit dem eurasischen Großreich auswirkte.

Neuerscheinungen
  • Laura Ritter: Schreiben für die Weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920–1965. Köln 2019.
  • Martin Faber: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018.
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

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