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Die Deutschen und ihre Nachbarn

dmytro myeshkov

Dr. Dmytro Myeshkov

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dmeshkov@phil-fak.uni-duesseldorf.de

 

 

 

Die Deutschen und ihre Nachbarn in der südlichen und südwestlichen Peripherie des Zarenreiches 1861–1914: Alltag und Normvorstellungen im Spiegel von Konflikten

(gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages)


Die Beziehungen zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn in den ersten Jahrzehnten nach der Einwanderung ins Schwarzmeergebiet Anfang des 19. Jahrhunderts werden in der Forschungsliteratur zu Recht als friedlich charakterisiert. Bis in die späten 1830er Jahre (und in manchen entlegenen Gegenden auch deutlich länger) lebten ethnische und konfessionelle Gemeinschaften in dieser damals noch dünn besiedelten Region weitgehend voneinander isoliert und ihre Kontakte trugen eher zufälligen, sporadischen Charakter.

Zur Teilnahme an den Regierungsprojekten zu Modernisierung der Landwirtschaft und der Sesshaftmachung von Nomaden, die eine enge Kommunikation der Deutschen mit jüdischen Ansiedlern bzw. Nogaiern voraussetzten, ließen sich neben einigen Vertretern der kolonistischen Oberschicht vor allem Mennoniten und Deutsche ohne eigenes Land anwerben, die sich aber wenig um einen Austausch mit ihren neuen Nachbarn, sondern vielmehr um den Aufbau ihrer eigenen Existenz kümmerten. Den als „Musterwirte“ eingesetzten Deutschen standen geschlossene andersethnische Gemeinden gegenüber, die ihre traditionellen Normen und Vorstellungen über die vom Staat verfolgten Ziele stellten. Solche Experimente, deren wirtschaft-licher Nutzen seit den 1870er Jahren immer wieder in Frage gestellt wurde, waren im Alltag von zahlreichen Konflikten begleitet, die schwer zu überbrückende kulturelle, sprachliche und soziale Unterschiede deutlich machten. Die Forschung zu dieser Problematik blieb jedoch lange Zeit auf die Vorhaben der Regierung konzentriert und beschäftigte sich in erster Linie mit der Frage, ob die Deutschen der ihnen zugeschriebenen Vorbildrolle gerecht wurden.

Dass das Zusammenleben während der Frühphase der Kolonisierung des nördlichen Schwarzmeergebiets mehr ein Neben- als ein Miteinander war, wurde auch durch den privilegierten Status der deutschen und anderen ausländischen Kolonisten begünstigt, der im Rahmen der Sonderverwaltung für die Kolonisten auch eine eigene Gerichtsbarkeit vorsah. Während Dorf- und Bezirksämter für Streitfälle und Vergehen innerhalb der Kolonistengemeinden zuständig waren, hatte das Fürsorgekomitee in Odessa als obere Gerichtsinstanz die Aufgabe, die Kolonisten „nach außen“, d.h. bei den Konflikten mit den nicht-kolonistischen Nachbarn, zu vertreten. Aber nicht nur die Kolonistengemeinden, sondern auch die jüdischen Kehillas konnten in Russland anfangs einen großen Teil ihrer administrativen Funktionen beibehalten. Unter den Krimtataren übte die muslimische geistliche Verwaltung [magometanskoe duch-ovnoe pravlenie] auch nach dem Anschluss der Halbinsel 1783 weiterhin die Funktionen eines Gerichts niederer Instanz aus.

Der wirtschaftliche Aufschwung schuf seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine breitere Grundlage für systematische Kontakte zwischen den Deutschen und anderen ethnischen und konfessionellen Gruppen der Region. Auf der einen Seite übten viele deutsche Siedlungen, die sich zu bedeutenden Handels- bzw. Handwerkszentren entwickelten, auf die andersethnische Bevölkerung eine starke Anziehungskraft aus; ihre Abgeschlossenheit und die Homogenität ihrer Bevölkerung lösten sich dabei allmählich auf. Auf der anderen Seite verließen viele deutsche Kolonisten ihre Heimatorte und ließen sich in den wachsenden Städten sowie in ländlichen Siedlungen mit einer gemischten Nachbarschaft nieder. Der Anteil solcher „ausgetretener“ Kolonisten erreichte mancherorts schon vor dem Krimkrieg bis zu ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft.

Die Involvierung einer immer größer werdenden Zahl von Deutschen in vielfältige Wechselbeziehungen mit der einheimischen Bevölkerung führte spätestens Ende der 1860er Jahre zu qualitativen Veränderungen: Die Anderen/Fremden wurden zum wichtigen Bestandteil der jeweiligen Weltvorstellungen und die Beziehungen zu ihnen gewannen für alle beteiligten Seiten stark an Bedeutung. Die Städte und manche ländliche Siedlungen mit ihrer zunehmend heterogenen Bevölkerung wurden zu Kontakträumen, in denen nicht nur persönliche Bezie-hungen und Netzwerke entstanden und sich gegenseitige Abhängigkeiten etablierten. Hier überschnitten sich verschiedene Lebenswelten, (Gruppen)Identitäten, Selbst- und Fremdbilder gewannen an Konturen, kulturell geprägte Normvorstellungen wurden gegenübergestellt und kommuniziert. Die Verflechtungen und Netzwerke über ethnische und konfessionelle Grenzen hinweg entfalteten sich ohne Einmischung des Staates zuerst im wirtschaftlichen, dann aber auch in anderen Lebensbereichen, und die Kontakte nahmen dabei unterschiedliche Formen an: vom Austausch von Produkten und Fertigkeiten über gegenseitige Einflüsse im religiösen Leben bis hin zum Erlernen der jeweils anderen Sprache. Man profitierte nicht nur von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, es gab auch die andere Seite der Medaille – Konkurrenz, die immer wieder Interessenkonflikte verursachte.

Zwar blieben die deutschen Gemeinden in Fragen wie Heirat, Unterstützung eigener Mitglie-der beim Landzukauf usw. auch nach der Aufhebung ihres privilegierten Kolonistenstatus 1871 ihrer Umwelt gegenüber verschlossen, doch förderte die rechtliche Gleichstellung der ausländischen Ansiedler und ihrer Nachbarn eine weitere Vertiefung und Intensivierung der gegenseitigen Beziehungen, vor allem bei denjenigen ehemaligen Kolonisten, die nun in eth-nisch gemischten Bezirken lebten und in ihrem Alltag mit andersethnischen Nachbarn ständig in Kontakt traten. Für das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts soll davon ausgegangen werden, dass die Kontakte zwischen den Vertretern verschiedener Bevölkerungsgruppen schon alle Lebensbereiche umfassten und durch ihren systematischen und dauerhaften Charakter den Alltag der breiten Mehrheit der Deutschen in der Region weitgehend mitbestimmten.

Die Großen Reformen Alexanders II. brachten tiefgreifende soziale Umwälzungen für das nicht-kolonistische Dorf mit sich und führten dort zur Verschärfung von sozialen Konflikten. Dass in vielen Landstrichen in den südlichen und südwestlichen Randgebieten des Zarenrei-ches die deutschen „Ansiedler-Eigentümer“ (ehem. Kolonisten) und die ukrainischen, russi-schen oder polnischen Bauern um immer knapper werdende Bodenressourcen konkurrierten, wurde zum Gegenstand heftiger öffentlicher Diskussionen. Soziale Auseinandersetzungen – wie z.B. zwischen den deutschen Landbesitzern und ihren ukrainischen und russischen Sai-sonarbeitern – bekamen oft auch eine ethnische Färbung. Damit bildete das Verhältnis zwi-schen den ethnischen Gruppen vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Konkurrenz und entstehender Nationalismen Ende des 19. Jahrhunderts ein wachsendes Konfliktpotential.

Das Vorhaben zielt darauf ab, die Lebenswelten der Deutschen durch das Prisma ihrer gegen-seitigen und vielfältigen Beziehungen mit den Nachbarn zu rekonstruieren. Geografisch ist die geplante Untersuchung in den bunt besiedelten südlichen und südwestlichen Randgebieten des Zarenreichs verortet und umfasst damit zwei der bedeutendsten deutschen Siedlungsge-biete Russlands – das Schwarzmeergebiet und Wolhynien. Während das Schwarzmeergebiet in räumlicher Hinsicht den Hauptschwerpunkt bildet, wird Wolhynien nur dann zum Ver-gleich herangezogen, wenn die Quellen besonders interessante Erkenntnisse versprechen wer-den. Die geeigneten Quellen aus den wolhynischen Archiven werden stichprobeartig ermittelt und durch gute Kontakte des vorgesehenen Projektbearbeiters mit Archivaren beschafft. Als Gegenpart der Deutschen werden Ukrainer/Russen, Juden und Nogaier/Krimtataren (im Gou-vernement Taurien) bzw. Polen (in Wolhynien) betrachtet.
Der zeitliche Schwerpunkt der Arbeit liegt zwischen den Großen Reformen der 1860/70er Jahre und dem Ersten Weltkrieg. Dabei werden in erster Linie die 1870er Jahre und das letzte Vorkriegsjahrzehnt unter die Lupe genommen. Während die Beziehungen der Deutschen und ihrer Nachbarn in der ersten Periode durch die Aufhebung des Kolonistenstatus im Zuge der Großen Reformen geprägt wurden, sind sie während und nach der ersten Russischen Revolu-tion von 1905/06 im Kontext wachsender sozialer und interethnische Spannungen zu betrachten.

Vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Veränderungen, welche die russische Gesellschaft nach den Großen Reformen durchmachte, sollen zum einen der Alltag der Kolonisten in ihrer Verflechtung mit anderen ethnischen und konfessionellen Gruppen der Region, ihre Wertvor-stellungen und die darauf basierenden Selbst- sowie Fremdwahrnehmungen eingehend unter-sucht werden. Zum anderen stellt sich die Aufgabe, die kulturell geprägten Normvorstellungen als tragende Konstruktionen der deutschen Lebenswelten des späten Zarenreiches verglei-chend zu jenen anderer Bevölkerungsgruppen zu beschreiben. Dabei wird angestrebt, die bis-herige durch die Quellenlage bedingte Fokussierung auf Oberschichten zu überwinden, die Deutschen differenziert zu betrachten und dabei den „unmündigen“ ländlichen wie städti-schen Unterschichten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses Vorhaben stellt beson-ders hohe Ansprüche an die wissenschaftliche Ansätze und die Quellenauswahl.

Neuerscheinungen
  • Laura Ritter: Schreiben für die Weisse Sache. General Aleksej von Lampe als Chronist der russischen Emigration, 1920–1965. Köln 2019.
  • Martin Faber: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018.
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

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