Themen Praktikum III/IV WS 04/05
- Stereotype und Verhalten
Neuere Forschung hat gezeigt, dass die Aktivierung von Stereotypen unser Verhalten beeinflusst. Beispielsweise reagierten (US-amerikanische) Versuchsteilnehmer aggressiver, wenn vorher ihr Stereotyp von US-Amerikanern afrikanischer Abstammung aktiviert worden war (Bargh, Chen & Burrows, 1996). Drei Mechanismen wurden für die Erklärung dieser Phänomene vorgeschlagen: eine direkte Verknüpfung zwischen Wahrnehmung und Verhalten, eine Modifikation von Aspekten des Verhaltens durch aktivierte Stereotype, und die Auslösung des Verhaltens über die Aktivierung von Zielen. Im Praktikum soll ein Effekt der Stereotypaktivierung auf Verhalten nachgewiesen werden; das Experiment soll eine Entscheidung zwischen den vorgeschlagenen Mechanismen ermöglichen.
- Verarbeitung gemeinsamer Attribute
Menschen sind anhand mehrerer sozialer Stereotype kategorisierbar: man kann eine weibliche Automechanikerin als Frau oder als Automechaniker(in) einordnen. Wählt man eine Kategorie, so wird die andere mögliche Kategorie unterdrückt. Die Stereotypen-Forschung hat gezeigt, dass Attribute, die mit der ausgewählten Kategorie verknüpft sind, leichter verarbeitet werden, während Attribute, die mit der unterdrückten Kategorie verknüpft sind, weniger leicht verarbeitet werden (Macrae, Bodenhausen & Milne, 1995). Sieht man die weibliche Automechanikerin als Frau, erkennt man z.B. das Wort "Spiegel" schneller und das Wort "Motor" langsamer als in einer Kontrollbedingung. Es soll die Fragestellung untersucht werden, welche Effekte die Auswahl der einen und die Inhibierung der anderen Kategorie für solche Attribute haben, die von beiden Kategorien geteilt werden (geeignete Stereotypen und Attribute müssen in einem Vortest identifiziert werden).
- Verarbeitung stereotyprelevanter Information
Die soziale Kategorisierung einer Person hat Auswirkungen darauf, wie wir Information über sie verarbeiten. Die soziale Kategorie, in die wir die Person einordnen, bringt Erwartungen über ihre Eigenschaften und ihr Verhalten mit sich: Sehen wir eine weibliche Automechanikerin zuerst als Frau, werden wir möglicherweise andere Eigenschaften und Verhaltensweisen erwarten, als wenn wir sie als Automechaniker(in) wahrnehmen. Verhält sich die Person anschließend entgegen unserer Erwartungen, wird diese Information anders verarbeitet, als wenn sie sich übereinstimmend mit den Erwartungen verhält (z.B. Stangor & McMillan, 1992). Effekte dieser Verarbeitungsunterschiede auf Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse sollen im Praktikum untersucht werden.
- Vergleichsprozesse in sozialen Urteilen
Wenn wir uns selbst oder andere Menschen beurteilen, tun wir dies meist in Bezug zu einem Vergleichsstandard: Schätze ich eine Zielperson als freundlich ein, so bedeutet das in etwa "freundlicher als die meisten Menschen". Die Wahl des Vergleichsstandards beeinflusst unser Urteil: nach einem Vergleich mit einem sehr unfreundlichen Menschen wirkt die Zielperson freundlicher als nach einem Vergleich mit einem sehr freundlichen Menschen. Auch die Art der stattfindenden Vergleichsprozesse beeinflusst das Urteil: wenn man überwiegend Gemeinsamkeiten einer Zielperson mit einer sehr freundlichen Vergleichsperson bemerkt, erscheint sie freundlicher, als wenn man hauptsächlich Unterschiede feststellt. Das Modell der selektiven Zugänglichkeit (Mussweiler, 2003) nimmt an, dass diese Vergleichsprozesse automatisch ablaufen. Im Praktikum soll diese Annahme geprüft werden.
- Indirekte Einstellungsmessung
Fragt man Menschen nach ihrer Einstellung zu einem Thema, erhält man oft eine andere Antwort, als man aufgrund einer Beobachtung ihres Verhaltens erwarten würde. So gibt heute kaum noch jemand an, Mitbürger ausländischer Herkunft als minderwertig zu erachten. In indirekten Tests finden sich trotzdem bei vielen Menschen noch Anzeichen für Vorurteile. Diese indirekten Tests erlauben oft eine bessere Vorhersage bestimmter Verhaltensweisen. Allerdings ist noch umstritten, was diese indirekten Tests messen, und wozu sie eingesetzt werden können (z.B. Gawronski, 2002). Mögliche Fragestellungen für das Praktikum sind eine Validierung solcher indirekten Maße über verschiedene Verhaltensindikatoren für Einstellungen, oder eine genauere Analyse dessen, was ein solcher indirekter Test misst.
- Bargh, J. A., Chen, M., & Burrows, L. (1996). Automaticity of Social Behavior: Direct Effects of Trait Construct and Stereotype Activation on Action. 230-244.
- Gawronski, B. (2002). What does the Implicit Association Test measure? A test of the convergent and discriminant validity of prejudice-related IATs. Experimental Psychology, 49(3), 171-180.
- Macrae, C. N., Bodenhausen, G. V., & Milne, A. B. (1995). The Dissection of Selection in Person Perception: Inhibitory Processes in Social Stereotyping. Journal of Personality and Social Psychology, 69(3), 397-407.
- Mussweiler, T. (2003). 'Everything is relative': Comparison processes in social judgment The 2002 Jaspars Lecture. European Journal of Social Psychology, 33(6), 719.
- Stangor, C., & McMillan, D. (1992). Memory for Expectancy-Congruent and Expectancy-Incongruent Information: A Review of the Social and Social Developmental Literatures. Psychological Bulletin, 111(1), 42-61.
