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Oberdeutsche Kasussysteme. Eine gebrauchsbasierte Analyse

Promotionsprojekt

Sophie Ellsäßer

Kasus in den deutschen Dialekten

Bislang finden sich in der dialektologischen Forschung nur wenige Arbeiten, die Kasussysteme deutscher Dialekte in ihrer geographischen Verbreitung und ihrem Aufbau untersuchen. Häufig angeführt wird die Arbeit von Shrier (1965), die erstmals raumbildende Tendenzen der dialektalen Kasussysteme aufzeigt und das Sprachgebiet in drei grundlegende Räume unterteilt:

 

Abbildung 1: Geographische Untergliederung der Kasussysteme deutscher Dialekte (Shrier (1965) nach König (2004))

In Shriers (1965) Arbeit, die auf sekundären Daten aus Dialektgrammatiken und Ortsmonographien basiert, zeigt sich eine Tendenz der deutschen Dialekte zum Kasus-synkretismus, also zum formalen Zusammenfall einzelner Kasus. Wie in den Karten dargestellt, beschreibt Shrier (1965) eine wichtige morphologische Isoglosse, welche etwa auf der Grenze zwischen dem alemannischen und dem bairischen beziehungsweise ostfränkischen Sprachraum verläuft. Kasus haben jedoch innerhalb des Sprachsystems eine wichtige Funktion: sie drücken die Relationen der einzelnen Komplemente im Satz aus, auf syntaktischer Ebene syntaktische Funktionen wie z.B. Subjekt und Objekt, auf semantischer Ebene weisen sie auf semantische Rollen wie Agens und Patiens hin. Durch die Tendenz der dialektalen Flexionssysteme zum Synkretismus wird diese Funktion auf morphologischer Ebene beeinflusst (vgl. etwa Blake 2001).

Ziele der Dissertation

Neben einer Untersuchung zur räumlichen Verbreitung von synkretischen und distinkten Kasusformen soll in meiner Dissertation der Aufbau verschiedener Kasussysteme vollständig und in Interaktion mit anderen Kategorien des Sprachsystems untersucht werden. Im Gegensatz zu Arbeiten wie der Shriers (1965) sollen also nicht nur die einzelnen Kasusformen isoliert betrachtet und in räumlichen Bezug gesetzt werden. Vielmehr soll auch der Einfluss syntaktischer, semantischer und phonologischer Phänomene auf das Kasussystem sowie dessen Relevanz zur Markierung semantischer Relationen in der Analyse berücksichtigt werden. Auch die Methodik des Dissertationsprojekts stellt eine Erweiterung zu vorherigen Arbeiten dar. Eine gebrauchsbasierte Korpusanalyse hat natürliche gesprochene Sprache im Fokus und gibt auch Aufschluss über die Frequenz bestimmter Phänomene.

Empirische Grundlage

Das Korpus bilden Transkripte der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“, die im Rahmen der Erhebungen zum Zwirner-Korpus zwischen 1955 und 1970 erstellt wurden und auf Tonaufnahmen gesprochener Dialekte basieren. Die Analyse meiner Dissertation soll zunächst die Transkripte in Ruoff (1984) umfassen. Diese beziehen sich auf Gebiete in Baden-Württemberg und Bayern, die in der folgenden Karte durch Punktsymbole dargestellt sind:

Abbildung 2: Überblick über die Belegorte der Transkripte aus Ruoff (1984) in Bezug auf die Erkenntnisse von Shrier (1965) nach König (2004)

Das Korpus umfasst Transkripte auf und um die durch Shrier (1956) eingezeichnete Grenze, sowie solche, die direkt auf der Grenze liegen. Zudem ist das Ortsnetz der Transkripte deutlich dichter als jenes, das der Arbeit von Shrier (1965) zugrunde liegt. Durch die höhere Belegdichte, die Arbeit mit gesprochensprachlichen Korpusdaten sowie die breite Analyse ist eine kleinräumige, dafür aber umfassende Untersuchung der Gliederung und des Aufbaus verschiedener Kasussysteme möglich.

Weiterführende Literatur (in Auswahl)

  • Alber, Birgit/ Rabanus, Stefan (2011): Kasussynkretismus und Belebtheit in germanischen Pronominalparadigmen. In: Elvira Glaser/ Natascha Frey/ Jürgen Erich Schmidt (Hgg.): Dynamik des Dialekts – Wandel und Variation. Stuttgart: Steiner Verlag: (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik Beihefte, 144 (3))., S. 23–46.
  • Blake, Barry J. (2001): Case. Second edition. 2. Aufl. Cambridge: Cambridge University Press (Cambridge Textbooks in Linguistics).
  • Dal Negro, Silvia (2004): Artikelmorphologie. Walserdeutsch im Vergleich zu anderen ale-mannischen Dialekten. In: Elvira Glaser/ Peter Ott/ Rudolf Schwarzenbach (Hgg.): Aleman-nisch im Sprachvergleich. Beiträge zur 14. Arbeitstagung für alemannische Dialektologie in Männedorf (Zürich) vom 16. – 18.9.2002. Wiesbaden: Steiner Verlag: (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik Beihefte, 129), S. 101–111.
  • König, Werner (2004): dtv-Atlas Deutsche Sprache. Mit 155 Abbildungskarten in Farbe. 14., durchges. u. akt. Aufl. München: dtv
  • Rohdenburg, Günter (1998): Zur Umfunktionierung von Kasusoppositionen für referentielle Unterscheidungen bei Pronomen und Substantiven im Nordniederdeutschen. In: Joachim Göschel (Hrsg.): Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, Bd. 65. Stuttgart: Steiner Verlag, S. 293–300.
  • Ruoff, Arno (1984): Alltagstexte I. Transkriptionen von Tonbandaufnahmen aus Baden-Württemberg und Bayrisch-Schwaben mit zwei Karten. Tübingen: Max Niemeyer Verlag Tübingen (Idiomatica. Veröffentlichungen der Tübinger Arbeitsstelle "Sprache In Südwestdeutschland", 10).
  • Shrier, Martha (1965): Case Systems in German Dialects. In: Language 41 (3), S. 420–438.


Kontakt: Sophie Ellsäßer

Betreuung:

Prof. Dr. Antje Dammel (Universität Freiburg)

Prof. Dr. Jürg Fleischer (Universität Marburg)

 

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