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Prof. Dr. Katharina Brizić

Diversität, Ungleichheit und Institution; Bildung, Flucht und Migration

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Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Deutsches Seminar - Germanistische Linguistik
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Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Deutsches Seminar - Germanistische Linguistik
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Email: katharina.brizic@germanistik.uni-freiburg.de
Tel.:     0049 - (0)761 / 203-3210

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 Statement zur Professur für Mehrsprachigkeitsforschung

 

Spätmoderne Gesellschaften wie die unsere sind in sich zunehmend divers. Historisch, politisch, sozial, religiös, ökonomisch, sprachlich, im Zugang zu Haltungen und Ideologien, in der Erreichbarkeit von Bildung, Nahrung, Gesundheit – wir leben in so vieler Hinsicht in Unterschiedlichkeit, ja oft in eklatanter Ferne voneinander. Zur Diversität kommt Globalität: Unterschiedlichkeit, Nähe und Ferne spielen nicht mehr nur lokal ineinander. Was in einem Teil der Welt geschieht, kann andere Teile nicht unberührt lassen. Nicht mehr, wie und ob das denn so ist, sondern wie dies gemeinsam lebbar wird, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.


Warum gemeinsam? Ein Charakteristikum spätmoderner Gesellschaften ist die wachsende soziale Bewegungsfreiheit: die Möglichkeit also, in jenen Verhältnissen, in die man „hineingeboren wird“, verbleiben zu können, aber nicht zu müssen. Dies erfordert eine wachsende Unabhängigkeit von der je eigenen Herkunft (von dieser Unabhängigkeit sind allerdings auch Gesellschaften, die sich als fortschrittlich definieren, noch immer weit entfernt; vgl. Grusky & Szelényi 2007: The inequality reader). Um eine solche Unabhängigkeit von Herkunft tatsächlich zu erreichen – ja sie als Möglichkeit überhaupt erst einmal denken zu können –, bedarf es des Einblicks in viele Welten. Es bedarf des Überschreitens „gruppeneigener“ Erfahrungen. Große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang beispielsweise allen Arten kollektiver historischer Erfahrungen zu: Zentral für eine gemeinsame Lebbarkeit von Vielfalt ist das Vermögen, historische Erfahrungen zu respektieren, auch wenn es die Erfahrungen „Anderer“ sind. Der Schutz vulnerabler Gruppen, das Einander-nicht-aus-den-Augen-Verlieren hängen eng damit zusammen; der Radius gruppenübergreifender Beweglichkeit hängt eng damit zusammen; und dieser führt weiter zu sozialer Bewegungsfreiheit insgesamt – um nur einige wenige Aspekte von Gemeinsamkeit zu nennen, wie sie hier verstanden wird. Aus ihr kann das Verändern benachteiligender Verhältnisse erwachsen. Gemeinsamkeit ist, aus dieser Perspektive, eine Grundbedingung für die spätmoderne Gesellschaft.

Mehrsprachigkeit ist eine Manifestation dieser Gemeinsamkeit, wie sie auch eine Manifestation aller anderen Erscheinungsformen von Diversität ist. Zugleich ist Mehrsprachigkeit ein Motor von Diversität. Und sie ist, zu allem Überfluss, der Modus, in dem (nicht nur) über Diversität kommuniziert wird. Diese Kommunikation in und über Diversität findet im Sprach- und Bildungserwerb des Individuums statt; sie findet in dessen institutioneller Verwaltung statt; und sie tut es gesamtgesellschaftlich: in Aushandlung, Angriff, Verteidigung, Wahrnehmung, Anerkennung oder Unsichtbarmachung von Diversität (etwa im Bildungs- und Sozialwesen, in internationalen Organisationen, in der Asyl-, Flüchtlings- und Immigrationspolitik u.v.m.). Die nicht überschaubare Themenvielfalt der Mehrsprachigkeitsforschung, wie ich sie verstehe, wird hier deutlich. Sie ist vielen Disziplinen offen, und sie bedarf ihrer aller. Nicht also ob, sondern wie die Gemeinsamkeit zwischen linguistischer und anderer Sozialforschung wachsen kann, ist eine der großen Fragen unserer Arbeit.

Meine Professur ist dieser Gemeinsamkeit gewidmet. Dass ich die beteiligten Fachgebiete nicht annähernd allein abdecken kann, unterstreicht nur den Bedarf und die ausdrückliche Offenheit für transdisziplinäre Zusammenarbeit. Mein Fokus ist die Soziolinguistik, und damit viele der oben bereits genannten Themen: Diversität im familiären Sprachenerwerb, im Bildungswesen, in historischen Erfahrungen, im Entstehen, Erhalt und Wandel von „Gruppen“, im Herstellen von sozialer Ungleichheit und dem Streben nach ihrem Gegenteil, sozialer Gerechtigkeit. Die Themen sind insbesondere für die Arbeit in europäischen Bildungssystemen relevant, da dort nicht nur Diversität, sondern auch hohe soziale Ungleichheit herrscht und (re)produziert wird. Alle genannten Schwerpunkte waren und sind mir nur mithilfe von Kooperationen zugänglich; die Kooperationen reichten bisher von der Psycholinguistik über die Bildungsforschung und Soziologie bis hin zur Politikwissenschaft (mit vielen weiteren Stationen). Dabei ist der Weg aus der Linguistik hin zu anderen Disziplinen keineswegs klar vorgezeichnet oder konsensuell (siehe als eine mögliche Position Deppermann 2008: Gespräche analysieren, z.B. S. 60). Der gemeinsame transdisziplinäre Weg ist strittig und Ziel einer nicht abgeschlossenen Suche – „But it is up to us, scholars of language, to do our jobs and to provide sound, tested, and practical tools for analysis to others (just as we may expect similar efforts from scholars in other disciplines)“ (Blommaert 2006: Discourse, S. 5). Gemeinsamkeit ist, aus dieser Perspektive, eine Grundbedingung für die Mehrsprachigkeitsforschung.

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