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Von Mittweida nach Workuta

Am 26. Januar 2015 unternahmen die Studierenden des Proseminars "Katorga und GULag. Zwangsarbeit und Lagerwelt im Zarenreich und der Sowjetunion (19. Jahrhundert – 1956)" und der Übung "Die sowjetische Arktis" bei Dr. Julia Herzberg eine Exkursion nach Karlsruhe. Ziel war das dortige Workuta-Zeitzeugenmuseum. Ebenso hatten sie Gelegenheit, ein Zeitzeugengespräch mit Dr. Martin Hoffmann zu führen.

exkursion_ka_3_200pxmitrand.pngVon Julia Herzberg

Noch immer beschleiche ihn, so Martin Hoffmann, ein mulmiges Gefühl, wenn jemand hinter ihm hergehe und ihn von hinten antippe, noch immer sei Workuta ein Teil von ihm. Dass sich alles an einem Tag ändern kann, erfuhr Martin Hoffmann am 24. Oktober 1951, als ihn zwei Männer nach einer Vorlesung an der Ingenieurschule in Mittweida ansprachen und mit vorgehaltener Pistole in eine schwarze Limousine zwangen. Mehrfach wurde Hoffmann vom sowjetischen Geheimdienst (NKWD) verhört; Kontakt zu seiner Familie durfte er nicht aufnehmen. Hoffmann war aus zwei Gründen in das Visier der sowjetischen Besatzungsmacht geraten. So war er 1949 in die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) eingetreten, die gegen das kommunistische Blocksystem opponierte. Zum Verhängnis wurde Hoffmann jedoch sein Engagement für jene, die vor ihm verhaftet worden waren und in Lagern und Gefängnissen verschwunden waren. Er hatte sich im Frühjahr 1950 der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit aus Westberlin angeschlossen, die versuchte, das spurlose Verschwinden von Personen in der Sowjetischen Besatzungszone zu klären. Das Sowjetische Militärtribunal bewertete seinen Einsatz für die Menschenrechte als „Antisowjethetze“ und verurteilte ihn nach Paragraph 58, der gegen vermeintliche Konterrevolutionäre angewandt wurde, zu insgesamt 75 Jahren Zwangsarbeit.

Anschaulich berichtet Martin Hoffmann Freiburger Geschichtsstudierenden, die sich in zwei von Julia Herzberg geleiteten Lehrveranstaltungen mit Zwangsarbeit und dem Lagersystem in der Sowjetunion auseinandergesetzt hatten, über seinen Lebensweg, der ihn als Gulag-Häftling von Sachsen nach Workuta 110 km nördlich des Polarkreises führte. Er teilte dieses Schicksal mit ca. 7.000 anderen Deutschen, die als Zivilisten aus politischen Gründen verurteilt wurden und in das sowjetische Lagersystem gerieten, um dort Zwangsarbeit zu verrichten. Unter extrem harten Bedingungen mussten sie in der Polar- und Permafrostregion Kohle abbauen, die vor allem für die sowjetische Schwerindustrie benötigt wurde. Das Lager Nr. 40, in dem Hoffmann inhaftiert war, war multiethnisch zusammengesetzt: Neben etwa 100 Deutschen befanden sich dort auch Ukrainer, Weißrussen, Ungarn, Japaner, Chinesen und Koreaner, jedoch nur wenige Russen. Während die Forschungsliteratur häufig darauf verweist, dass die harten Lebensbedingungen und die schwere Arbeit unter widrigen klimatischen Bedingungen zu Missgunst, Konflikten und Gewalt führten, betont Martin Hoffmann die Solidarität unter den Gefangenen. Vor allem der Zusammenhalt innerhalb der verschiedenen ethnischen Gruppen sei stark gewesen. Nach der Fußballweltmeisterschaft 1954 sei zudem die Achtung gegenüber den Deutschen gestiegen. „Champion“ habe, so Martin Hoffmann, die im Lager als Schimpfwörter gebrauchten Bezeichnungen „Deutscher“, „Demokrat“ und „Faschist“ verdrängt.

Sowohl in Hoffmanns Erzählungen als auch in seinen autobiographischen Texten nehmen die Streiks 1953/54 in Workuta viel Platz ein. Er führt sie nicht allein auf das nach Stalins Tod entstandene Machtvakuum und die Verhaftung des Geheimdienstchefs Berija zurück, die in den Häftlingen Hoffnungen auf Lockerung der Haftbedingungen und Amnestien weckten, sondern setzt sie auch in Verbindung mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR. Dabei ist es Hoffmanns Anliegen, zu zeigen, dass es Widerstand gegen die kommunistische Gewaltherrschaft im gesamten „roten Imperium“ gegeben habe. Diese Sichtweise transportiert auch sein kleines Museum, das er am 17. Juni 2001 in Karlsruhe-Durlach eröffnete und welches Schaubilder und Karten enthält, die über Aufstände und Streiks im gesamten sowjetischen Einflussbereich Auskunft geben.

Wie schwer es für Martin Hoffmanns Familie war, sich mit seinem spurlosen Verschwinden abzufinden, davon zeugen nicht nur Hoffmanns Erzählungen, sondern auch ein Eintrag seines Bruders im Gästebuch des Museums: „Vati hat überall versucht Deinen Aufenthalt zu erfahren, Polizei, Regierung, Staatsanwalt, Hellseher usw.“ Doch die Bemühungen blieben erfolglos; erst 1955 konnten die Menschenrechtskommission der UNO und das Internationale Rote Kreuz durchsetzen, dass auch politische Häftlinge nach Hause schreiben durften. Das erste Lebenszeichen, das Hoffmann in Form einer Postkarte des Roten Kreuzes nach Hause senden konnte, ist gleichfalls in dem Museum ausgestellt.

exkursion_ka_2_200pxmitrand.pngIn Hoffmanns Museum fällt der Blick unweigerlich auf ein Porträt von Konrad Adenauer, das hell beleuchtet ist. Nicht nur die Bildunterschrift „Der Mann der Tausende Deutsche aus dem GULAG wieder in die Heimat führte“, sondern das gesamte Arrangement dieses Ausstellungsbereiches spricht für die tiefe Dankbarkeit, die Hoffmann noch heute dem ersten Kanzler der Bundesrepublik und seinem Verhandlungsgeschick entgegenbringt. Im öffentlichen Bewusstsein ist Adenauers Einsatz für die deutschen Kriegsgefangenen präsent, während der Umstand, dass 1955 mit den Kriegsgefangenen auch jene Zivilisten freigelassen wurden, die aus politischen Gründen in die sowjetischen Lager geraten waren, nur selten erwähnt wird. Im Oktober 1955 kam Martin Hoffmann frei. Er kehrte nach Mittweida zurück, um dort sein Studium fortzusetzen. Doch Nachbarn, Bekannte und ehemalige Kommilitonen mieden ihn, er stieß auf Ressentiments und die Hochschulleitung legte ihm Steine in den Weg. Sein Studium konnte er nicht wieder aufnehmen. Hoffmann sah sich gezwungen, nur wenige Tage nach seiner Rückkehr Heimat und Familie erneut zu verlassen, um über Westberlin in die Bundesrepublik zu flüchten. Er ging nach Karlsruhe, wo er 1961 sein Studium als Elektroingenieur abschließen und sich eine Existenz aufbauen konnte. Erst 1996 rehabilitierte ihn die Militärstaatsanwaltschaft in Moskau.

Workuta habe ihn „geprägt“, entgegnet Hoffmann auf die Frage, welche Bedeutung er den vier Jahren als Gulag-Häftling für sein Leben zuweist. Andere seiner Lagerkameraden hätten nicht über ihre Haftzeit sprechen können und „alles in sich hineingefressen“. Martin Hoffmann vermutet, dass dies ein Grund sein könnte, warum einige seiner Freunde krank geworden und früh verstorben seien, während er uns noch heute über seinen Lebensweg berichten kann. Hoffmann gehört, wie er selbst betont, zu den wenigen überlebenden Zeitzeugen, die noch aktiv sind und an das weitgehend vergessene Schicksal der deutschen Gulag-Häftlinge erinnern. Er sieht seine zwei Museen - 2002 hat er noch ein weiteres in Oederan/Sachsen eröffnet - als Zeichen gegen das Vergessen und als Mahnung, sich für Menschenrechte und Demokratie einzusetzen. Sein Museum in Karlsruhe ist, das Gästebuch zeigt dies deutlich, eine Anlaufstelle für all jene, die selbst oder deren Familienangehörigen im Gulag gewesen sind und für die es sonst keinen Ort für ihre Geschichten und Erinnerungen gibt.


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Kontakt:

Workuta-Zeitzeugenmuseum in Karlsruhe

Dr. Martin Hoffmann

Telefon: (07 21) 35 60 00

Weitere Informationen zu den deutschen Gulag-Häftlingen unter: www.workuta.de

Neuerscheinungen
  • Michel Abeßer: Den Jazz sowjetisch machen. Kulturelle Leitbilder, Musikmarkt und Distinktion zwischen 1953 und 1970. Köln 2018.
  • Ingrid Bertleff, Eckhard John, Natalia Svetozarova: Russlanddeutsche Lieder. Geschichte - Sammlung - Lebenswelten, 2 Bände, Essen 2018. (Ausgezeichnet mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg 2018)
  • Alfred Eisfeld, Guido Hausmann, Dietmar Neutatz (Hrsg.): Hungersnöte in Russland und in der Sowjetunion 1891–1947. Regionale, ethnische und konfessionelle Aspekte. Essen 2017 (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 48).
  • Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938). Stuttgart 2017.
  • Reinhard Nachtigal: Verkehrswege in Kaukasien. Ein Integrationsproblem des Zarenreiches 1780–1870. Wiesbaden 2016.
  • Thomas Bohn, Rayk Einax, Michel Abeßer (Hrsg.): De-Stalinisation Reconsidered. Persistence and Change in the Soviet Union. Frankfurt am Main/New York 2014.

 

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